Berner Psychotherapiekongress 2017

Zeitgemässe Psychiatrie und Psychotherapie legen Wert auf Kooperation der Fachleute mit dem Patienten und dessen Angehörigen. Ausserhalb des psychiatrischen und psychotherapeutischen Alltags mag diese Haltung selbstverständlich erscheinen, sie soll es auch sein, doch in der Praxis stellen sich dieser Zusammenarbeit unterschiedliche und ernstzunehmende Schwierigkeiten entgegen.

 

Da ist zum einen der psychisch kranke Mensch. Es liegt im Wesen vieler psychischer Krankheiten, dass sie die Beziehungsfähigkeiten vorübergehend oder dauerhaft beeinträchtigen, etwa die Fähigkeiten, eigene Bedürfnisse mitzuteilen, sich empathisch in andere hineinzuversetzen, eigene Impulse zu steuern oder sich an Regeln zu halten. Daraus resultieren Interaktions- und Kommunikationsprobleme, die das Zusammenleben in der Familie, in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz oder in der Peergruppe belasten und für Fachleute eine Herausforderung bedeuten. Missverständnisse, Konflikte und Teufelskreisdynamiken erzeugen chronischen Stress und erschweren die Kooperation, führen zusätzlich zu Verunsicherung und Leid und wirken sich negativ auf die Gesundheit des Patienten aus. Umgekehrt verkörpern stabile Beziehungen und sichere Bindungen im (familiären) Umfeld für den Patienten einen bedeutenden Motivations- und Schutzfaktor.

 

Da sind zum zweiten die Angehörigen. Sie sind die primären Versorger und sind dem Patienten gegenüber meist durch emotionale Nähe, Vertrauen, Loyalität und natürliche Bindungen verpflichtet. Sie sind das Frühwarnsystem und tragen die Hauptlast im häuslichen Alltag, ganz besonders in akuten Phasen und bei langdauernden Verläufen. Wie die jüngere Forschung zeigt, werden Angehörige dabei in einem Ausmass psychisch belastet, das die Fachwelt lange Zeit unterschätzt, übersehen oder verharmlost hat. Wo Angehörige nicht in die Betreuungs- oder Therapieprozesse einbezogen werden, wo die hinreichende Information über Krankheit und deren Auswirkungen fehlt und wo Angehörige nicht in ihrem Einsatz unterstützt und gewürdigt werden, reagieren sie mit Ängsten, Ohnmachts-, Schuld- und Frustrationsgefühlen, stehen unter Dauerstress und sind damit selbst einem erheblichen psychischen und somatischen Krankheitsrisiko ausgeliefert.

 

Und da sind schliesslich die Fachleute. Kraft ihrer Rolle stehen sie in der Verantwortung, die interdisziplinäre Kooperation zu initiieren und zu koordinieren. Damit sind sie dem emotionalen Druck ambivalenter Erwartungen von Seiten der Patienten, Angehörigen und der Gesellschaft ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund behandelt der Kongress unterschiedliche Konzepte des psychotherapeutischen Einbezugs von Angehörigen im ambulanten und stationären Setting innerhalb und ausserhalb der psychiatrischen Klinik. Die unterschiedlichen Zugänge basieren auf der Mobilisierung individueller, partnerschaftlicher, familiärer und institutioneller Ressourcen und haben zum Ziel, mit vereinten Kräften die gesunden Seiten des psychisch kranken Menschen zu stärken und Risiken zu mindern.

 

Dr. med. Jürg Liechti Januar, 2017

 

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